G. Botsch u.a. (Hrsg.): Rechtsextrem: Biografien nach 1945

Cover
Titel
Rechtsextrem: Biografien nach 1945.


Herausgeber
Botsch, Gideon; Kopke, Christoph; Wilke, Karsten
Erschienen
Anzahl Seiten
IX, 485 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claus Leggewie, Zentrum für Medien und Interaktivität, Justus-Liebig-Universität Gießen

In dem angezeigten Band findet man wesentliche, zum Teil unbekannte Details über die Lebensgeschichten von 21 Männern und zwei Frauen, die nach 1945 eine rechtsextreme „Nationale (Fundamental-)Opposition“ gegen die sich als liberale Demokratie entwickelnde Bundesrepublik Deutschland formierten – in der erklärten Absicht, zumindest partiell das nationalsozialistische Herrschaftsregime zu rehabilitieren beziehungsweise wiederherzustellen. Die Herausgeber und die Autor:innen haben einen „akteursorientierten Ansatz“ gewählt, der „die familiäre, schulische, berufliche und politische Sozialisation von Einzelpersonen oder kleinerer, überschaubarer Personengruppen in den Blick“ nimmt und diese Akteure typologisch einordnet (S. 9). Dazu haben die Beteiligten des Bandes persönliche Dokumente, Selbst- und Fremdzeugnisse ausgewertet. Ihr Ziel ist eine Verortung der NS-Kontinuität in der frühen Bundesrepublik und eine Rekonstruktion der Grundlagen rechtsextremen Denkens und Handelns bis in die Gegenwart. Die Verfasser:innen sind Historiker:innen, Politolog:innen und Publizist:innen der jüngeren Generation; die drei Herausgeber sind als Rechtsextremismusforscher am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam (Gideon Botsch), an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (Christoph Kopke) sowie am Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus und Neonazismus der Hochschule Düsseldorf (Karsten Wilke) tätig und mit einschlägigen Publikationen hervorgetreten. Dem biografischen Ansatz wollen sie neue Erkenntnisse über die Genese und Wirkung rechtsextremer Strömungen abgewinnen. Zudem nennen sie einen „dezidiert politischen Anspruch“, nämlich „die apologetischen (Selbst-)Deutungen zurückzuweisen“, die in der extremen Rechten als eigene „Geschichtspolitik“ kursieren (S. 11f.).

Die Leser:innen werden dann eher unvorbereitet in eine alphabetische Folge von Porträts entlassen, die zumeist etwa 20–25 Seiten lang sind; die Typisierung erfolgt nur implizit in den Beiträgen. Auch die Generationslagen werden nicht wirklich klar. Die älteste Protagonistin Mathilde Ludendorff (1877–1966) war eine wesentliche Figur bei der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, nach 1945 eine zähe Revisionistin. Die drei jüngsten, Michael Kühnen (1955–1991), Frank Schubert (1957–1980) und Thomas Brehl (1957–2010) waren neonazistische Gewalttäter in den 1980er-Jahren. Dazwischen liegen rechtsextreme Funktionäre der NPD wie Adolf von Thadden (1921–1996) und Ideologen der Neuen Rechten wie Armin Mohler (1920–2003), dann der Publizist und „Bildungsarbeiter“ Hans-Michael Fiedler (1943–2019) sowie der Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger (1946–2009).

Ein eher unsinniges Auswahlkriterium war, dass die Protagonisten verstorben sein sollten, was bei dem mittlerweile hundertjährigen Bombenleger Paul Otte (geb. 1924) allerdings gar nicht der Fall war. Vergeblich sucht man Beiträge zum NPD-Rivalen Friedrich Thielen (1916–1993) und zum REP-Vorsitzenden Franz Schönhuber (1923–2005), ebenso zu Otto Ernst Remer (1912–1997), der die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 verfolgt hatte und mit diesem Renommee die neonazistische, 1952 verbotene Sozialistische Reichspartei (SRP) mitgründete, oder Gerhard Frey (1933–2013), Herausgeber der extrem einflussreichen „Deutschen Soldaten-/National-Zeitung“ und Vorsitzender der Deutschen Volksunion. Warum der zweifellos wichtige Rechtsintellektuelle Mohler hingegen mit zwei Beiträgen vertreten ist, bleibt rätselhaft. Auch der Dunstkreis der „Wehrsportgruppe“ um ihren Führer Karl-Heinz Hoffmann (geb. 1937) fehlt weitgehend – noch. Die Herausgeber kündigen einen Folgeband an und bitten um Beiträge dazu (S. 14).

Die genannten Einwände ändern nichts am Erkenntniswert der (nicht durchgängig) ergiebigen Porträts. Vor allem die weniger bekannten oder vergessenen Figuren rücken hier ins Licht, und die Zusammenschau hinterlässt den zutreffenden Eindruck, dass die Vorgeschichte der heutigen extremen Rechten im Nationalsozialismus liegt; ihre Frühgeschichte in der noch unsicheren und rechtslastigen Bundesrepublik ist zudem weiter aktuell. Über Holocaustleugner wie Karl Theodor Förster (1912–1993), rassistische Verleger wie Herbert Grabert (1901–1978), den Leiter der Wiking-Jugend Wolfgang Nahrath (1929–2003) oder den rechtsgrünen August Haußleiter (1905–1989) zeigt sich eine beängstigende Kontinuität zur heutigen „Neuen Rechten“, die trotz ihrer scheinbaren Abkehr von der rassistischen und exterministischen alten NS-Rechten in Gestalt des „Ethno-Pluralismus“ so neu eben nicht ist. Die Erben dieser Gründerfiguren sitzen heute im Bundestag, speziell als „wissenschaftliche Mitarbeiter“, in Landtagen und in Verlagen wie Antaios am „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda.

Was aus sozialwissenschaftlicher Sicht zu tun bleibt, wäre eine methodisch fundierte Netzwerkanalyse, die Verknüpfungen und Verdichtungen, Konkurrenzen und Rivalitäten der dargestellten Personengruppen, ihrer Organisationen, Milieus und informellen Zirkel erfassen könnte. Bindemittel waren die NS-Nostalgie und ein starker Revisionismus, Antisemitismus und Antibolschewismus, Antiamerikanismus und Nationalneutralismus, eine völkische Nationsvorstellung, eine reaktionäre Abendland-Ideologie, die zum Teil „neuheidnisch“ unterwandert wurde. Kulturelle Aktivitäten im vorpolitischen Raum und völkische Jugendindoktrination wechselten sich ab mit Organisationsaufbau und Terroranschlägen. In dieser Vernetzung kommt man dem Phänomen eines vielschichtigen bundesdeutschen Rechtsextremismus bis heute am nächsten. Dazu gehören auch seine Ausfransungen ins „offizielle“ Spektrum der rechten Mitte, hier vor allem in die frühe FDP hinein – dafür stehen Namen wie der erfolgreiche Verleger Friedrich Middelhauve und der nationalliberale Bundestagsabgeordnete Ernst Achenbach, die beide einer offen putschistischen Gruppe um den einstigen Goebbels-Staatssekretär Werner Naumann in der FDP-Fraktion entstammten, die 1953 aufgeflogen war.

Aus einzelnen Beiträgen geht indirekt hervor, wie sich das neo-nationalsozialistische Gedankengut und Handlungsrepertoire im bürgerlichen Milieu der Wirtschaftswunderjahre einbettete, bis dann eben diese Einbettung Widerspruch erweckte und das Bedürfnis nach einer scharfen Abgrenzung zum abendländisch-christlichen „Gärtnerkonservatismus“ (Mohler) der Adenauer-Jahre wachsen ließ, die sich in der Gründung der NPD (1964), dann weiterer Parteien bis hin zur AfD zeigte und sich angesichts der langjährigen organisatorischen Misserfolge in Gewalt und Terrorakte verstieg. Ein früher Versuch, ein intellektuelles Netzwerk nach dem Muster der von der Neuen Rechten angestrebten „kulturellen Hegemonie“ zu formieren, waren erfolglose Initiativen des in Vergessenheit geratenen, in diesem Band nun porträtierten Hans-Michael Fiedler in Südniedersachsen, der eine „nationale Bildungsarbeit“ aufsetzte und sich nach der deutschen Einheit an einer „Bildungsstätte Mitteldeutschland“ in Sachsen versuchte.1 Er besaß Verbindungen ins Milieu der Vertriebenen und der rechten Studentenbünde, wollte eine „Anti-Antifa“ formieren, scheiterte aber auch an persönlichen Unzulänglichkeiten und starb vereinsamt in Göttingen. Bekanntlich funktionieren solche Projekte in „Mitteldeutschland“ meist besser. Für diese ist der in seiner aktuellen Bedeutung beschriebene Publizist Armin Mohler ein geistiger Mentor.2

Abschließend stellt sich die Frage, wie originell biografische Studien zu führenden Neo-Nationalsozialisten nach 1945 für die nun auch in den Geschichtswissenschaften reichlich vorhandene Forschung über den Rechtsextremismus sein können. Für die NS-Zeit hat sich die „Täterforschung“ bewährt (auf die auch die Herausgeber eingangs verweisen; S. 9), wobei es hier nicht allein um herausstechende Akteure im NS-Sicherheits- und Propaganda-Apparat gegangen ist, sondern ebenso um „einfache Leute“, die zu unsäglichen Taten fähig waren.3 Solche Personen könnten auch bei biografischen Studien zur posttotalitären Transition wichtig sein, wenn man die Umfrageergebnisse der frühen 1950er-Jahre in Rechnung stellt, die erhebliche Kontinuitäten aufweisen und die zum Teil spektakulären Wahlerfolge der SRP und NPD erklären. Die biografische Perspektive, die in der Sozialforschung methodisch erheblich weiterentwickelt ist als in manchen eher kursorischen und oberflächlichen Lebensgeschichten dieses Bandes, kann Vernetzungen und Kontinuitäten verdeutlichen, die, wie der Dichter es ausgedrückt hat, den Boden noch fruchtbar erhalten haben. So altmodisch und anachronistisch die vorgestellten Persönlichkeiten auch erscheinen mögen, aus heutiger Perspektive sind sie bisweilen erschreckend aktuell.

Anmerkungen:
1 Dazu auch die detailliertere Studie von Katharina Trittel u.a., Vom „Wächter am Tor“ zum „einsamen Wolf“. Der Multifunktionär Hans-Michael Fiedler und die Transformation der radikalen Rechten in Südniedersachsen, Göttingen 2022, https://dx.doi.org/10.17875/gup2021-1819 (13.03.2024).
2 Vgl. meinen Beitrag: Das gibt einmal eine Explosion! Armin Mohler redivivus, in: Merkur 77,11 (2023), S. 63–71.
3 Siehe als Überblick etwa Frank Bajohr, Neuere Täterforschung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.06.2013, https://docupedia.de/zg/bajohr_neuere_taeterforschung_v1_de_2013 (13.03.2024).